Kants kategorische Imperativ ist zurecht allseits beliebt. Ich
selbst bin ein großer Anhänger des seines kategorischen Imperativs, und
auch wenn einige auf seine Unvollständigkeit hingewiesen haben, ist es
meiner Ansicht nach die beste Grundlage für eine atheistische Ethik,
die wir zur Verfügung haben (und damit die beste Grundlage für eine
Ethik, die wir haben).
Kants kategorischer Imperativ kommt in
vielen Formen und Farben, meist Vereinfachungen daher (viele davon sind
älter als Kants Version). Es gibt das negative, besserwisserische "Was
du nicht willst, daß man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu" (es
ist bemerkenswert, wie ein geschickt eingesetzter Reim ein spontanes
Ekelgefühl erzeugen kann). In der Bibel gibt es eine positive Variante,
aber ich finde den Wortlaut nicht, also müßt ihr das ohne Zitat glauben.
Es gibt allerdings eine Form des kategorischen Imperativs, vor allem hierzulande, die ich mal den "vulgären kategorischen Imperativ" nennen will. Er äußert sich folgendermaßen:
"Stell dir vor, das würden alle so machen"
Es ist klar, daß das eine Variante von Kants Version ist, und der
ebenso vulgäre Einwand "Es tun ja aber nicht alle" hilft nicht weiter.
Das Problem liegt bei einer Vereinfachung. Denn, um es kurz und
schmerzlos zu sagen, die Maxime meiner Handlung soll zum allgemeinen
Gesetz erhoben werden, nicht aber die Handlung selbst. Anders
ausgedrückt, die Entscheidungsfindung, der Grund einer Handlung ist
ebenso Teil des hypothetischen Gesetzes. Diese Gesetze sind also
Gesetze der Form "falls ..., dann tue ...", mit vielen Bedingungen und
wenigen Folgerungen. Zum Beispiel: Wenn ich auf die Straße spucke, dann
soll nicht Gesetz (oder Regelfall) werden, daß jeder immer auf die
Straße spuckt, sondern das Gesetz hätte wahrscheinlicher die Form:
"Wenn du gerade kein Taschentuch hast, und einen fiesen Husten, und ein
halbes Pfund Schleim im Hals, dann spuck ruhig auf die Straße". Und
selbst eine solch vereinfachte Form kann man wohl als allgemeines
Gesetz stehen lassen.
Und wenn mich nochmal jemand damit nervt, kann ich jetzt einfach auf diesen Artikel verweisen. Wie beruhigend.