Freakonomics ist ein Buch von Levitt, einem (relativ) jungen Ökonomen. Es ist ein gutes Buch, also dafür, daß es von einem Ökonomen geschrieben wurde. Es ist sicherlich sehr interessant, und die meisten Ergebnisse sind fundiert. Im Gegensatz zu den meist echt üblen Büchern von Wirtschaftsjournalisten, die gerne ihre drei Stories erzählen, um etwas zu "beweisen", kann Levitt Statistiken und Studien anführen, und sein Buch hat ein Literaturverzeichnis mit den wichtigen Publikationen und Quellenangaben. Levitt scheint zu wissen, wovon er spricht. Er kann Statistiken lesen, er benutzt sie, und er kennt den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Ich habe erst als "inverse Angeberei" abgetan, daß in der Introduction mehrfach betont wird, daß Levitt kein besonders intellektueller ist und daß er keine Ahnung von Mathe hat. Aber vielleicht stimmt es ja doch. Er ist immerhin Ökonom. Und viel mehr noch als sein Beruf ein Hinweis auf mangelnde mathematische Fähigkeiten ist, ist es die Tatsache, daß er im gesamten Buch immer lineare Zusammenhänge annimmt. In den meisten Fällen hat dies wahrscheinlich keinen Einfluß auf die Schlußfolgerungen, aber ab und an wird man stutzig (ein Beispiel, wir brauchen ein Beispiel).
"The Economist Isaac Erlich, in an oft-cited 1975 paper, put forth an estimate that is generally considered optimistic: executing 1 criminal translates into 7 fewer homicides that the criminal might have committed. Now do the math. [...Dreisatz...] those 52 additional executions would have accounted for 364 fewer homicides in 2001 [...]."
In diesem speziellen Fall ist ein Zitat direkt involviert, also ist die Textstelle nicht die beste, um Levitt zu kritisieren, aber sein Buch ist voll davon. Vielleicht macht er das nur, weil er es für unangebracht hält, den Leser mit einem Begriff wie "nichtlinear" zu schockieren, aber wenigstens erwähnen (von mir aus in den Fußnoten am Ende des Buches) hätte er die implizite Annahme einer linearen Abhängigkeit schon. Lineare Abhängigkeiten sind selten, und auch wenn lineare Approximationen für kleine Funktionsabschnitte funktionieren, kann man sie eben nicht beliebig ausdehnen, und an manchen Stellen hatte ich den Eindruck, daß Levitt ans Limit des Erträglichen geht. Wie schon gesagt, wenn es eine journalistische Auslassung ist, so ist das verzeihlich, wenn auch kein guter Stil, wenn es ein systematischer Fehler ist, dann bin ich schockiert über den Zustand der Ökonomie, mehr noch, als ich es vorher war. Um das rauszufinden, müßte ich ein paar Paper lesen, und dazu habe ich wohl nicht die Zeit.
Also: Ein schönes Buch mit einem stilistischen Fehler, in dubio pro reo, auch wenn das aus der Mode kommt.