Manche Menschen gehen nicht bei rot über die Straße. Sie haben eine unglaubliche Abneigung dagegen, eine rote Ampel zu ignorieren, auch wenn es drei Uhr nachts und kein Auto in Sicht ist, und man in alle Richtungen mehrere Kilometer weit alles überblicken kann. Wenn man solche Menschen fragt, warum sie diese seltsame Angewohnheit haben, dann erfährt man meistens, daß sie an die Notwendigkeit abstrakter Ordnungsprinzipien glauben, oder etwas ähnliches. Das hat meist ein wenig etwas von mißverstandener Gesetzestreue, oder es geht in die Richtung "wenn das alle täten", ein Thema, das ich schon hinreichend diskutiert habe.
Die meisten Zeitgenossen sind weniger pingelig. Sie erkennen
sehr wohl, daß die Ampelregel in ihrer Absolutheit ziemlicher Blödsinn
ist, und ignorieren sie dementsprechend gegebenenfalls. Doch selbst
unter diesen scheinbaren Freidenkern gibt es zumindest Unbehagen über
die roten Ampeln. Typischerweise gilt es als verwerflich, eine rote
Ampel (sinnvollerweise) zu ignorieren, wenn Kinder in der Nähe sind.
Als Grund dafür wird meist genannt, daß das ein schlechtes Vorbild
wäre. Diese Meinung beruht auf mangelnder Reflexion.
Dazu ist
folgendes zu sagen: erstens, es ist kein schlechtes Vorbild für das
Kind, wenn es früh lernt, daß Regeln keine absolute Gültigkeit haben.
Natürlich sehe ich ein, daß ein Kind, je nach Alter, wahrscheinlich
nicht die Fähigkeit mitbringt, sinnvoll zu entscheiden, wann eine
Straße gefahrlos überquert werden kann. Also ist ein absolutes Verbot
in jungen Jahren sicherlich sinnvoll. Und damit sind wir bei Punkt
zwei: Ein absolutes Verbot ist ein absolutes Verbot, auch wenn andere
Leute sich nicht daran halten. Das Kind orientiert sich daran, was
seine Umgebung, insbesondere seine Bezugspersonen, ihm vorleben.
Insofern ist es sicher richtig, daß die Eltern des Kindes nicht mit
diesem über rote Ampeln spazieren, und gleichzeitig versuchen, es dem
Kind zu verbieten. Andererseits aber muß das Kind daran gewöhnt werden,
daß nicht alle Menschen sich an die von den Eltern aufgestellten Gebote
halten. Es muß lernen, daß diese Gebote und Verbote trotzdem gelten,
obwohl sie fast allen Erwachsenen egal sind. Insofern ist es geradezu
ein Dienst am Kind, wenn man möglichst offensichtlich bei rot Straßen
überquert. Es gibt den Eltern die Möglichkeit, das Kind darüber
aufzuklären, daß das Verbot trotz allem intakt bleibt. Es lehrt das
Kind, daß Regeln nicht immer für alle gleich gelten müssen. Und nicht
unwichtig: Das Kind lernt, daß es selbst beurteilen muß, was es tut.
Anderen Leute hinterherzurennen, reicht nicht aus. Jeder Mensch muß für
sich entscheiden, ob man eine Ampel überquert oder nicht, und jeder hat
dafür andere Kriterien.
Ich zum Beispiel gehe über rote Ampeln,
wenn keine Gefahr besteht. Dieses Verhalten ist nicht das richtige für
Grundschulkinder, aber es schadet nicht, diesen frühzeitig
beizubringen, daß es Menschen gibt, die Dinge tun, die nicht gut für
sie sind. Wenn sie dann man so jemandem begegnen, sind sie weniger
geneigt, ihn einfach nachzuahmen.
Das nächste Mal, wenn euch
ein erbostes Elternteil zuruft, was für ein schlechter Mensch ihr doch
seid, wißt ihr wenigstens, was ihr erwidern könnt. Meine Erfahrungen
allerdings zeigen, daß die Menschen, die Regeln aufgrund mangelnder
Selbstreflexion befolgen, wenig geneigt sind sich zu bemühen, euren
Argumenten zu folgen. Vermutlich fangen sie an zu schreien. In dem
Fall, lauft weg. Am besten über eine rote Ampel.